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Veröffentlicht: 3626 Tagen her

Vom Kanal, der Fähre und unter N.N.

Der Himmel ist grau verhangen heute Morgen. Aber der Wind weht von Nordwest. Das ist bekanntlich nicht Südwest. Und das ist gut so, denn das ist die „Schietecke”. Kommt der Wind aus Südwest, kommt auch das Wetter daher und bringt meist Regen mit sich. Heute nicht.

Wir hängen die Räder ans Auto und fahren etwa 50 km nach Burg. Dort soll unsere Tour starten; entlang des Nord-Ostsee-Kanals bis zur Mündung des Kanals in Elbe und Nordsee in Brunsbüttel.

Nicht selten überholt man am Kanal eines der großen Container- oder Tankschiffe, die über den Kanal schippern, denn die erlaubte Höchstgeschwindigkeit liegt bei nur 15 km/h, weil sonst die Bugwellen und der Sog Bett und Böschung des Kanals beschädigen würden.

Beinahe hätten wir dem Nord-Ostsee-Kanal zu seinem 110. Geburtstag gratulieren können. Er wurde am 21. Juni 1895 eröffnet. Er ist fast 100 km lang und verbindet die Nordsee – bei Brunsbüttel – mit der Ostsee – bei Kiel. Er hat eine stattliche Breite von 162 m und rund 43.000 Schiffe kürzen jährlich die über 250 Seemeilen längere Umrundung um das dänische Skagen durch den Kanal ab.

Zurück in Burg setzen wir mit der Fähre über auf die östliche Seite des Kanals. Dabei fällt uns eine kunstvoll auf das Boot geschriebene Weisheit ins Auge:

„Hin und Her. Stich für Stich näht die Fähre den Riss zusammen. Nicht nach dem Ziel fragen. Stillstehen ist nicht das Gegenteil von Fortschritt. Sisyphos und Ikarus erinnern an Faustens Blindheit. Nur Gedanken überwinden senkrecht waagerecht lagernde Bedenken. Her und Hin. Rückkehr ist gespiegelter Abschied. Der Hybris der über die Brücke Eilenden zusehen. Wo ist der Horizont. Schnelligkeit gebiert Langsamkeit. Hin erfordert Her. Jeder Horizont will seine Überwindung vertikal. Das Metronom schlägt unentwegt. Her und Hin. Leise plätschernde Wellen bleiben im Gedächtnis. Mehr und schneller – langsam. Hin und Her. Leben ist nicht die Sehnsucht woanders hinzugelangen, sondern das hier sein zu spüren. Senkrecht stehen mitten auf der Fähre. Der Horizont. Her und Hin.”

 Unser Abstecher führt uns zum Ende der Tour an die tiefste Landstelle unseres Heimatlandes. Diese liegt erstens zwischen Aebtissinwisch (ja, das gibt’s wirklich) und Neuendorf-Sachsenbande und zweitens genau 3,54 m unter NN. Es ist sicher nicht den „Tiefpunkt” dieser wunderbaren Radtour…

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